TZ 17.7.2012: Wie Weißkirchen funktioniert

Davon hat Hans Zippert ganz genaue Vorstellungen und er weiß, was Orschel von Homburg unterscheidet

Der Verein zum Erhalt der Johanniskirche hatte den Satiriker Hans Zippert für eine Lesung in der Kirchenruine gewonnen. Nicht nur die Sonne lachte, als der Ex-"Titanic"-Chef über unappetitliche Würste, seltsame Brunnen und den Weißkirchener an sich dozierte.

Von Jasmin Takim

Weißkirchen. Der Satiriker Hans Zippert zeichnete bei seiner Lesung in der Johanniskirche ein launiges, amüsantes Bild seiner Wahlheimat, huldigte Oberursels Der Satiriker Hans Zippert zeichnete bei seiner Lesung in der Johanniskirche ein launiges, amüsantes Bild seiner Wahlheimat, huldigte Oberursels "kratzbürstigem Charme". Foto: Reichwein

 

Hans Zippert kennt sich aus. In der Welt im Allgemeinen, schließlich ist er Reisejournalist. In Deutschland im Besonderen, denn über sein Heimatland hat er mit spitzer Feder schon ein ganzes Buch verfasst. Und nun packt der in Oberursel lebende Autor fast einen ganzen Abend lang auch noch über das Leben in seiner Wahlheimat aus. "So funktioniert Weißkirchen", lautet das Motto seiner Lesung in der Johanniskirche.

Denn mit Oberursel verbindet Zippert eine Art Hassliebe, besonders allerdings mit dem beschaulichen Oberstedten. Das kennt der ehemalige "Titanic"-Chefredakteur eigentlich auch viel besser als Weißkirchen, weil er hier seit einem Vierteljahrhundert zu Hause ist. Und nach eigener Aussage gerne auch mal die Nachbarn von seiner Doppelhaushälfte aus mit dem Fernglas ausspäht. Doch dazu gleich mehr.

Die Weißkirchener, so geht aus Zipperts vergnüglichem Mix aus Vortrag und Dia-Show hervor, sind doch eigentlich Menschen wie du und ich, die, in prähistorischer Zeit wohl von einem fernen Planeten gekommen, sich heute zum Beispiel in blauen Uniformen bei Vereinigungen wie der Freiwilligen Feuerwehr zusammenrotten. Doch natürlich gehen die Betrachtungen des "Welt"-Kolumnisten weit über den "anthropologischen" Teil hinaus.

"Das Beste an Oberursel", so lobt der zweifache Henri-Nannen-Preisträger, "ist doch, dass Oberursel nicht Bad Homburg ist." Denn: Der Homburger sei borniert, neureich, hässlich und unkultiviert. "Der Oberurseler ist genauso, nur gibt er damit nicht an." Dass die Oberurseler zudem über jede Menge Humor verfügen, zeigt sich an solchen Stellen: Aus jeder Reihe jauchzt und prustet es, keiner fühlt sich auf den Fuß getreten. Denn Zipperts trocken-lakonische Vortragsweise und seine immer wieder aufflackernde Selbstironie machen es unmöglich, nicht amüsiert oder gar gekränkt zu sein.

 

Kratzbürstiges

 

Der Satiriker zeichnet ein launiges, amüsantes Bild seiner Heimatstadt, huldigt Oberursels "kratzbürstigem Charme", der sich dem Neuankömmling nicht auf den ersten Blick eröffne. Was diesen Charme für Zippert ausmacht, erfahren die Zuhörer natürlich auch: Da wäre etwa die Leidenschaft der Oberurseler für eine Unmenge an seltsamen Brunnen, einen tiefergelegten Marktplatz und alljährliche Höhepunkte wie die "Kunstperformance" Autos in der Allee, zu der seine Mitbürger immer wieder in Hundertschaften pilgerten.

Das Programm – begleitet von Petra Luise Kämpfer am Klavier – führt noch weit aus dem Taunus hinaus, Zippert gibt Kostproben aus seinen "Welt"-Kolumnen und dem Buch "Die 55 beliebtesten Krankheiten der Deutschen".

Doch das Mysterium Oberursel, so gesteht er selbst in der Pause, eröffnet sich dem gebürtigen Bielefelder bis heute nicht. Und geheimnisvoll bleibt auch sein Viertel Oberstedten. Die Episode über den Unbekannten, der sich jede Nacht dazu getrieben fühlt, Kothaufen in den Oberstedtener Straßen zu verteilen, entspringt nicht der Fantasie des Autors. Das versichert Zipperts Nachbarin Carola Pauly, die zur Lesung gekommen ist. Auch, dass der Autor gelegentlich mit dem Fernglas auf dem Balkon steht, kann die alte Dame bezeugen. Übel nimmt sie‘s ihm nicht. "Das ist so eine reizende Familie, und manchmal schenkt er mir ja auch eines seiner Bücher."

 

 

 

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Er gibt Satire-Abende, der ehemalige Chefredakteur des Satiremagazins Titanic und Kolumnist der Tageszeitung Welt ("Zippert zappt"). Er lebt nach eigenen Angaben "seit 25 Jahren unter Oberurselern. Seit dieser Zeit erforscht er, ob es intelligentes Leben" in unserer Stadt gibt. Nun ist er demnächst einmal wieder in der Johannis-kirche, in der Urselbachstraße, und liest aus seinen Werken. Dabei zeigt er, so kündigt er an, "faszinierende, größtenteils scharfe Farbbilder". Was genau er in sein neuestes Programm gepackt hat, verrät er noch nicht. Seine Leser und Hörer können sich aber ganz sicher auf originelle und scharfzüngige Aussagen freuen.